|
Schwerpunktaktion Verkehrssicherheit
Innerorts - Raum für alle!?
Innerorts findet mit 47 Prozent ein Löwenanteil des
automobilen Verkehrs statt. Auf Landstraßen sind es 17 Prozent, auf
Autobahnen 36 Prozent. Bei Radfahrern und Fußgängern ist der Anteil des
Innerortsverkehrs noch deutlich höher. Diese sind aufgrund ihrer
schwächeren Konstitution bei Unfällen besonders gefährdet. Das schlägt
sich auch in den Unfallzahlen nieder: 27 Prozent der Unfälle mit
Getöteten und sogar 67 Prozent der Unfälle mit Personenschäden
geschehen innerorts! – Und Unfälle mit nichtmotorisierten
Verkehrsteilnehmern fallen hier natürlich besonders ins Gewicht.

Das Verkehrsgeschehen innerorts erfordert eine
erhöhte Aufmerksamkeit. Nirgends sonst treffen die unterschiedlichen
Verkehrsteilnehmer (Fußgänger, Rad- und Motorradfahrer, Autofahrer,
Pkw-, Lkw- und Busfahrer) in solch hoher Anzahl auf so engem Raum
aufeinander, der unterschiedliche Wahrnehmungs- und Aktionsraum birgt
erhöhtes Konfliktpotenzial.

Ortsdurchfahrten kennzeichnen
trotz aller Unterschiede die gleichen Probleme: zu hohe Geschwindigkeiten,
fehlende oder unzureichende Radverkehrsführung und ungesicherte Überquerungen
für Fußgänger. Dazu kommen
Sichtbehinderungen der unterschiedlichsten Art, die das rechtzeitige
Erkennen von Gefahrensituationen erschweren. Auf diesem problematischen
Umfeld tummeln sich unterschiedliche Verkehrsteilnehmer, deren Sicht- und
(Re-)Aktionsradius nicht wirklich kompatibel ist.
Kinder auf Achse

Kinder sind keine Erwachsenen. Sie denken, sehen und
reagieren anders, unberechenbarer anscheinend, weil sie Situationen
mitunter ganz anders einschätzen als Erwachsene. Aber sie gehen auch weniger konzentriert mit dem Geschehen um und lassen sich leichter
ablenken. Erst mit 14 Jahren ist ihre Konzentrationsfähigkeit voll
ausgebildet. Hier ist auch von anderen Verkehrsteilnehmern, insbesondere
von Autofahrern und Eltern, erhöhte Aufmerksamkeit gefordert, da sich
sonst Unfälle mit bösen Folgen nicht
vermeiden lassen. Die Unfallforschung von Dekra und Winterthur hat hierzu ein
paar exemplarische Beispiel näher beleuchtet.

Das A und O sind frühzeitige Verkehrserziehung und
das (hoffentlich gute!) Vorbild von Eltern und anderen Erwachsenen. Fördern
Sie ihr Kind, aber überfordern sie es nicht! Am Vorbild allerdings lernen
die Kleinen viel früher als man denkt! Ergo wird die Ampel nur bei Grün
überquert, ohne Ampel links-rechts-links nach dem fließenden Verkehr
geguckt, das Fahrrad absolut verkehrssicher gehalten und gefahren wird
selbstverständlich nur mit Helm! Und für das Mitführen auf dem
elterlichen Fahrrad gibt es wie beim Auto verschiedene geeignete
Kindersitzsysteme. Bei zwei Kindern ist ein Fahrradanhänger die sicherere
Alternative zu zwei Sitzen vorne und hinten.

Das größte Unfallrisiko haben Kinder bis 6 Jahre
als Mitfahrer im Pkw. Deshalb sollten Kinder auch für kurze Strecken in
geeigneten Rückhaltesystemen vorschriftsmäßig gesichert werden!
Ungesicherte Kinder tragen ein siebenfach höheres Risiko, bei einem
Unfall verletzt oder getötet zu werden, als ein gesichertes Kind! Aber
auch für Erwachsene gilt: Anschnallen, auch innerorts! Schon ein Aufprall
mit Tempo 50 kann schwerste Verletzungen zur Folge haben! Und Ladung gehört
nicht einfach in den Gepäckraum gelegt, sondern ebenfalls gut gesichert!
Geschosse von der Rückbank, aus dem Laderaum oder von der Hutablage gefährden
im Falle eines Aufpralls mit hohen Fluggeschwindigkeiten und einem
Vielfachen ihres Eigengewichtes die Passagiere.

Tempo 50 ist in der Stadt die Regel, in Wohngebieten
sind häufig nur 30 km/h erlaubt, und in verkehrsberuhigten Zonen nur
Schrittgeschwindigkeit (4 – 7 km/h). Besonders wenn auf dem Bürgersteig
Kinder unterwegs sind, können Tempo 30 oder 50 schon zu viel sein.
Vorbeifahrende Autofahrer sollten besonders aufmerksam und stets
bremsbereit sein!
Ältere Verkehrsteilnehmer waren noch nie so aktiv

Ein weiteres, ganz anderes Problemfeld innerorts
stellen ältere Verkehrsteilnehmer dar: Der Anteil älterer Menschen an
der Gesamtbevölkerung steigt, deren Verlangen nach Mobilität auch. Die
jetzige Generation der „Alten“ ist die erste, die ihr Leben lang Auto
gefahren ist und darauf auch im Alter nicht verzichten möchte. Diese
Mobilität im Alter hat, das belegen vielfältige Untersuchungen und
Studien, positive Auswirkungen auf Gesundheit und körperliches
Wohlbefinden. Ältere Menschen haben weniger Unfälle als Fußgänger, dafür
eine deutlich gestiegene Anzahl an Unfällen als Auto- oder Radfahrer.
Allerdings sind ältere Verkehrsteilnehmer in geringerem Maße automobil
unterwegs als sie es in jüngeren Jahren waren.

Alterstypisches Fehlverhalten führt primär zu Unfällen
an Kreuzungen und Einmündungen,
bei denen sie die Vorfahrt missachten. Einschränkungen der sensorischen,
kognitiven und motorischen Leistungsfähigkeit können zum Teil durch
soziale und Persönlichkeitsentwicklung ausgeglichen werden. Langjährig
geübte, alltäglich relevante Handlungen gelingen häufig besser als dies
die altersbedingten Einschränkungen vermuten lassen: Ältere Fahrer sind
nicht die auffälligste Gruppe in der Straßenverkehrs-Unfallbilanz. Diese
Rolle übernehmen immer noch die 18- bis 25-jährigen Fahranfänger.
Allerdings steigen die Unfallzahlen auch bei Älteren an, da immer mehr ältere
Fahrer häufiger als früher mit dem Auto unterwegs sind.
Menschen mit Behinderung

Das Problemfeld der Geh- oder Sehbehinderung trifft
nicht nur Behinderte, sondern auch Alte, Kranke, Kinder, Menschen, die mit
Rollator oder auch mit einem Einkaufstrolley unterwegs sind etc. Ihr
Sicht- und Aktionsfeld ist im Vergleich zu normalen gesunden Erwachsenen
eingeschränkt, und andere Verkehrsteilnehmer sollten darauf Rücksicht
nehmen!
Radfahrer

Dass sich Radfahrer auch an Verkehrsregeln zu halten
haben, hat sich immer noch nicht zu jedem Pedalritter rumgesprochen. Aber
solche, die es im Prinzip tun, stehen auch hin und wieder von einem
Problem: Radwege, die weder von noch wirklich für Radfahrer und deren Bedürfnisse konzipiert und gebaut wurden. Schlechte Radwege
werden vielfach nicht angenommen und folglich auch nicht oder nur von sehr
wenigen Radfahrern genutzt.

Radfahrer wollen glatte Oberflächen unter ihren
Reifen, Asphalt ist hier besser als Pflastersteine. Unebenheiten, Ecken
und Kanten sind unbequem und für jeden Radfahrer ein Graus. Radwegen
sollten nicht nur topfeben sein, ohne Schlaglöcher und Schäden an der
Oberfläche, sondern auch frei von Hindernissen aller Art. Dazu gehören
zum Beispiel auch parkende Autos rücksichtsloser Zeitgenossen.
Radfahrstreifen auf der Fahrbahn werden besser angenommen als Radwege, die
sich ja zumeist neben dem Gehweg befinden und in der Regel gepflastert
sind.
Öffentlicher Personen-Nahverkehr (ÖPNV): Bus und
Bahn

Bus und Bahn sind innerorts wohl die sichersten
Verkehrsmittel. Gefahren lauern allerdings beim Aus- und Einsteigen. Wer
vor oder hinter haltenden Bussen und Bahnen die Fahrbahn überqueren will,
sollte gut aufpassen: Man sieht nicht viel und wird schlecht gesehen.
Autofahrer sollten bei der Vorbeifahrt an Bushaltestellen besonders
vorsichtig sein. Das gilt nicht nur dann, wenn ein Bus mit Warnblinklicht
an die Haltestelle fährt oder dort hält – und
der Autofahrer nur mit Schrittgeschwindigkeit von 4 bis 7 km/h an
dem stehenden Bus vorbeifahren darf. Bushaltestellen sind Gefahrenstellen,
an denen erhöhte Aufmerksamkeit zwingend nötig ist!
Fazit

Rücksichtsvolles Verhalten ist gerade innerorts nötig,
um das Miteinander auf engem Verkehrsraum gefahrlos für alle zu
gestalten! Rücksicht heißt aber auch, nicht immer auf seinem
vermeintlichen Recht zu bestehen. Denn wenn man nicht gesehen wird oder
man doch keine Vorfahrt hat, ist der Unfall vorprogrammiert. Und das ist für
alle Beteiligten nur unangenehm!

Eine
Schwerpunktaktion von DVR (Deutscher Verkehrssicherheitsrat),
Berufsgenossenschaften und Unfallkassen nimmt sich in der Zeit vom 1.
September 2008 bis 31. März 2009 dieses Themas an. Weitere Informationen
gibt es hier ...©
Oktober 2008, Petra Grünendahl, Fotos: DVR (13) |